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Themen und Information


Behindertes Leben - verhindertes Arbeiten?

Franz WOLFMAYR
Mühlgasse 4
8200 Gleisdorf

Behindertes Leben - verhindertes Arbeiten?

Die Themenstellung für diese Gesprächsrunde beinhaltet Fragen danach, ob und inwieweit eine Behinderung die Möglichkeit, zu arbeiten, verhindert. Wenn hier in der Vorstellrunde von Arbeit gesprochen wurde, so war Erwerbsarbeit gemeint. Ich werde daher im wesentlichen meine Überlegungen auf die Möglichkeiten behinderter Menschen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, konzentrieren.

Aufgrund der Knappheit der zur Verfügung stehenden Zeit werde ich das auf drei - meiner Meinung nach - wesentliche Fragestellungen eingrenzen:
1. Verhindertes Arbeiten durch bestehende Formen von Beschäftigung
2. Verhindertes Arbeiten durch die kulturelle Form des Wirtschaftens
3. Verhindertes Arbeiten durch die bestehenden Formen der Förderungen für behinderte Menschen in der Wirtschaft

1. Verhindertes Arbeiten durch bestehende Formen von Beschäftigung

Die Einrichtungen für Beschäftigung für behinderte Menschen orientieren sich im wesentlichen an zwei Formen von Arbeit: einerseits an Formen von industriell strukturierten Fertigungen und andererseits am Basteln. Industriell strukturierte Fertigungen sind so in einzelne aufeinander bezogene Arbeitsschritte unterteilt, daß jeder Arbeiter/jede Arbeiterin nur einen kleinen Teil des Fertigungsprozesses durchführt (Taylorismus). Mit dem Endprodukt haben nur wenige ArbeiterInnen zu tun. Einrichtungen, die hauptsächlich basteln, stellen dabei oft Produkte her, die keinen Gebrauchswert besitzen. Daß sie trotzdem einen Tauschwert besitzen liegt daran, daß sie von behinderten Menschen hergestellt wurden.
Das Ziel der Produktion in solchen Werkstätten ist ja nicht die Erzielung von Gewinnen aus der Wirtschaftstätigkeit. Das Ziel der Produktion ist zu einem großen Teil ein pädagogisches: behinderten Menschen im arbeitsfähigen Alter, die nicht oder noch nicht in der Lage sind, einer Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit nachzugehen, die Möglichkeit zu geben, die Voraussetzungen für Erwerbsarbeit zu entwickeln. Mir ist klar, daß in Beschäftigungswerkstätten auch Personen aufgenommen wurden, die diese Voraussetzungen nicht entwickeln werden. Ich möchte auch die Notwendigkeit betonen, Menschen die z.B. die "Schule für Kinder mit erhöhtem Förderbedarf" auch in Beschäftigungswerkstätten aufzunehmen. Damit alle diese dort Beschäftigten nicht durch die Form der Arbeit am "Arbeiten verhindert" werden, halte ich es ebenso für notwendig, sich grundsätzliche Gedanken über Bedeutung und Wesen von Arbeit in unserer Kultur zu machen.
So wie diese Werkstätten jetzt konzipiert sind, schließt eine Beschäftigung darin vielfach ihre behinderten ArbeitnehmerInnen mehr aus unserer Kultur aus, als das ohne sie geschähe.

Arbeit und Integration
Arbeit ist die für Erwachsene adäquate Form der Teilnahme am Leben einer Gesellschaft. Was macht nun die Qualität einer Arbeit aus, damit sie bewirken kann, daß behinderte Menschen integriert sind? Feuser benennt diese Qualität als "gemeinsame Tätigkeit (Spielen/Lernen/Arbeit) am gemeinsamen Gegenstand/Produkt in Kooperation von behinderten und nichtbehinderten Menschen." Sie ist also in der Kooperation der Menschen zu suchen, die sie aneinander bindet. Diese Bindekraft ist Lebensnotwendigkeit und Grundbedürfnis der Menschen in einem. Menschen sind untereinander verbunden, weil sie die Notwendigkeit erfahren haben und das Bedürfnis entwickelt haben, die Besorgungen ihres Lebens mit anderen Menschen zusammen zu erledigen. Es ist also nicht irgendeine beliebige gemeinsame Tätigkeit an irgendeinem gemeinsamen Produkt, die die Kooperation und Verbundenheit der Menschen ausmacht. Es ist die Qualität der Kooperation, die die Gemeinsamkeit von Tätigkeit und Gegenstand bestimmt. Wenn beispielsweise zwei Menschen gleichzeitig ein und dasselbe Stück Holz "bearbeiten", muß sie das nicht miteinander verbinden. Das kann sie schlimmstenfalls entzweien.

Wann ist nun der Gegenstand einer Tätigkeit ein gemeinsamer?
Er ist dann gemeinsam, wenn die einzelnen ihre Tätigkeit auf ein gemeinsames Ziel hin koordinieren. Das bedeutet aber, daß Ziel und Struktur der Tätigkeit von den einzelnen erkannt werden müssen. Es ist also nicht so, daß ein Gegenstand, als Ding, als Produkt, ... die gemeinsam tätigen Menschen verbindet. Nein. Es ist die Erkenntnis, daß ein Gegenstand, ein Ereignis, eine Handlung, eine Idee, ... eine kulturelle Bedeutung hat, die sich die einzelnen bereits angeeignet haben müssen. Ohne die gemeinsame Kenntnis der kulturellen Bedeutung eines Gegenstands kann es letztlich keine gemeinsamen Ziele in den Handlungen einzelner Menschen geben und damit letztlich auch keine gemeinsame Tätigkeit am gemeinsamen Gegenstand.

Und so verstandene gemeinsame "Arbeit" ist letztlich Anlaß und Notwendigkeit für die Aneignung von Symbolen, von Sprache, des logischen Denkens, ... .

Wenn man solchen Konzepten, wie sie u.a. von der sg. Kulturhistorischen Schule entwickelt wurden folgt, so ist die Ausübung von Erwerbsarbeit nur möglich, wenn bereits die Bedeutungen und der Wert der hergestellten Produkte erkannt werden können. Entwickelt kann diese Fähigkeit nur werden in der gemeinsamen Sorge um die Notwendigkeiten der Gestaltung des eigenen Lebens. Eine Produktion darüber hinaus wurde in der Kulturgeschichte erst möglich, nachdem es möglich war, über die Bewältigung des eigenen Lebensalltags hinaus Überschüsse zu produzieren.

Messen wir nun die zwei genannten Formen von Arbeit in Beschäftigungswerkstätten an diesen Ansprüchen.
Im Falle von tayloristisch zergliederter industrieller Produktion müßten die ArbeitnehmerInnen kognitiv und emotional dazu in der Lage sein, die Bedeutung und den Wert des Endprodukts für sich vorwegzunehmen und ihren Arbeitsbeitrag dazu in Beziehung zu setzen. Nur so haben sie die Möglichkeit, sich selbst in dieser Arbeit weiterzuentwickeln mit dem Ziel, möglicherweise einmal einer Erwerbsarbeit im engeren Sinn nachgehen zu können.
Im Falle des Bastelns ist die Problematik insofern unlösbar, als Bedeutung und Wert des hergestellten Produkts aus dem "Leid" und der "Hilfsbedürftigkeit" der behinderten ArbeitnehmerInnen selbst erwachsen.

Schlüsse und Forderungen:
Beschäftigungswerkstätten müssen, wenn sie nicht Möglichkeiten zur Erwerbsarbeit für ihre ArbeitnehmerInnen verhindern wollen, vielschichtige Angebote machen:
* Zuallererst halte ich es für notwendig, daß sie die Sorge um und die Bewältigung des eigenen Lebensalltags in den Mittelpunkt der Tätigkeit stellen. So werden die Personen, die noch nicht in der Lage sind, ihren Arbeitsbeitrag zu der Bedeutung und dem Wert des Endprodukts durch Vorwegnahme in Beziehung zu setzen, wenigstens nicht durch die Form des Arbeitens ausgegrenzt. Leider werden derartige Tätigkeiten in vielen Einrichtungen von Profis erbracht (Küche, Reinigungsdienst, Wäscherei, ...).
* Die MitarbeiterInnen, die darüber hinaus in der Lage sind, Überschüsse zu produzieren, müssen dazu die Möglichkeit haben und zwar mit Produkten, deren Bedeutung und Wert sie durch ihren kulturellen Gebrauch bereits vorwegnehmen können.
* Die MitarbeiterInnen, die darüber hinaus einen Zusammenhang von Arbeit und Entlohnung herstellen können, müssen dazu die Möglichkeit vorfinden, Geld zu verdienen (kein Taschengeld) bis hin zu sozialversicherungsrechtlich autonomen Dienstverhältnissen.

Haltungen der Fürsorge und der Übernahme von Verantwortung für die behinderten ArbeitnehmerInnen ("Schützlinge") halte ich dazu für hinderlich. Formen der Übernahme von Verantwortung (in Form von Mitverantwortung) müssen dazu in den Werkstätten entwickelt werden.

2. Verhindertes Arbeiten durch die kulturelle Form des Wirtschaftens

Arbeitslosenraten bis zu 13% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den Ländern der Europäischen Union belegen, daß nicht nur behinderte Menschen an Erwerbsarbeit gehindert werden. "Weil Erwerbsarbeit in den Industriestaaten das vorherrschende Prinzip gesellschaftlicher Integration und Voraussetzung für wohlfahrtsstaatliche Leistungen ist, bedeutet Arbeitslosigkeit auch gesellschaftliche Ausgrenzung." Behinderte ArbeitnehmerInnen sind aber doppelt von Arbeitslosigkeit betroffen. Ich halte es für notwendig, diese Ursachen auseinanderzuhalten. Denn die Konsequenzen müssen meiner Meinung nach in zwei Richtungen gezogen werden. Einerseits müssen wir uns mit allgemeinen wirtschaftspolitischen Überlegungen beschäftigen, andererseits mit solchen, die besonders die geringere Leistungsfähgkeit behinderter Menschen am allgemeinen Arbeitsmarkt ausgleichen können. Letztere Überlegungen werde ich unter Punkt 3. anstellen.

Allgemeine wirtschaftspolitische Überlegungen zur Verbesserung der Beschäftigungssituation am Arbeitsmarkt :

a. eine Ökologische Steuerreform
zielt darauf ab, Arbeitskraft von Gemeinkosten zu entlasten,
Energie und Rohstoffe stattdessen zu belasten - unter Wahrung der Aufkommen von Staat und Wirtschaft

* Arbeitsintensive, material- und energiearme Leistungen würden verbilligt;
* der Einsatz von Arbeitskraft zur Rohstoffersparnis würde begünstigt,
* die Strukturverschiebung von materiellen Produkten zu Dienstleistungen würde gefördert.

b. eine Abgeltung von Produktivitätszuwächsen in Zeit statt Einkommen - Verkürzung der Normalarbeitszeit

ist ein sozialpolitisches Programm, das der zunehmenden Verschärfung der Spaltung zwischen einer Minderheit von "regulären Arbeitsplatzbesitzern" und einer Mehrheit von aus dem Arbeitsmarkt ganz oder teilweise Ausgegrenzten entgegenwirken soll.

Die Lastenverteilung zwischen Staat / Soialversicherung, Arbeitgebern und Arbeitnehmern läßt sich so optimieren, daß sie für alle tragbar ist (lt. "Welfare in a Civil Society. Report for the Conference of European Ministers Responsible fo Social Affairs. Vienne 1993. erstellt vom European Centre). Deutlich verkürzte Normalarbeitszeiten würden auch andere sozialpolitische Probleme (wie die Benachteiligung behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt, die Benachteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt und in der häuslichen Arbeitsteilung, die insgesamt prekäre Situation familiärer Betreuungsleistungen, das Absinken des realen Pensionsalters) merklich entspannen. Dort wo selbst geringfügige Lohneinbußen schon in den Bereich der Armutsgefährdung führen, müßte allerdings soziale Stützung kompensatorisch eingreifen.

c. von Individualisierung / Vereinheitlichung zu subkulturellen Organisationsformen
In diesem Programm geht es darum, Raum zu schaffen für unterschiedliche Lebensweisen und Gelegenheiten für deren soziale Stabilisierung. Es geht darum, Entstehungs- und Erhaltungsbedingungen für unterschiedliche Wohlfahrtsmodelle, unterschiedliche Wünsche und Erfahrungen zu unterstützen.

Unterschiedliche Lebensweisen können im gleichen Raum in unterschiedlichen "Nischen" existieren, ohne sich gegenseitig ihre Ressourcen streitig zu machen. Haben alle jedoch die gleichen oder ähnliche Bedürfnisse und Verhaltensweisen, so konkurrenzieren sie sich gegenseitig nieder und erzeugen zugleich einen enormen Druck auf die Schlüsselressourcen. Und wenn ökologisch verträglichere Lebensweisen entstehen sollen, so brauchen sie Orte, an denen sie sich ausbilden und gemeinschaftlich erprobt werden können.

3. Verhindertes Arbeiten durch die bestehenden Formen der Förderung für behinderte Menschen in der Wirtschaft

Die bestehenden Formen der Förderung für behinderte ArbeitnehmerInnen in der Wirtschaft bestehen vorwiegend
* in finanziellen Hilfen zur Arbeitsplatzadaptierung,
* in finanziellen Hilfen zur Förderung der individuellen Autonomie (durch Wohnungsumbauten, PKW-Adaptierungen, Einbau von Liften, ...),
* in Lohn-/Gehaltszuschüssen zu den Lohnkosten,
* in der Ermöglichung von beruflichen Orientierungen, Schulungen, Ausbildungen.

Die ersten drei Fördermöglichkeiten werden vorwiegend aus dem Ausgleichstaxfonds (ATF) finanziert. In diesen Fonds müssen alle Firmen monatlich S 1.920,00 einzahlen, wenn sie ihrer Einstellungsverpflichtung (pro 25 MitarbeiterInnen 1 behinderte MitarbeiterIn) nicht oder nicht ausreichend nachkommen.
Weiters ist es möglich, derartige Leistungen über die Behindertengesetze der Bundesländer zu beantragen.
Problem aller dieser Leistungen ist, daß sie nicht alle Bedürfnisse behinderter Menschen am Arbeitsmarkt abdecken. Es besteht in den Fördermöglichkeiten eine Lücke für die Personen, deren Leistungsfähigkeit für Beschäftigungstherapie zu hoch, für die Erhaltung eines geschützten Arbeitsplatzes unter den derzeitigen Förderbedingungen (sie müssen mindestens 70% ihrer Bruttolohn-/Bruttogehaltskosten erwirtschaften) aber zu gering ist. Etwa 40.000 Personen fallen somit in Österreich durch das Netz der bestehenden Förderungen. Sie haben kaum eine Möglichkeit, einen adäquaten Arbeitsplatz für sich zu finden und zu erhalten.

Persönliche Unterstützung und Schulung behinderter Menschen an ihrem Arbeitsplatz (Supported Employment) ist als sehr effizientes Instrument, einen Arbeitsplatz zu erlangen und zu erhalten, in Österreich (bis auf einige private Ausnahmen und die Angebote des ISD in Vorarlberg) praktisch nicht vorhanden.

Berufliche Orientierungs-, Schulungs- und Ausbildungsmöglichkeiten sind für behinderte Menschen kaum zugänglich. Die Fortführung der schulischen Integration z.B. im Berufsschulwesen ist derzeit noch kaum möglich.

Schlüsse und Forderungen:
* Anhebung der Ausgleichstaxe auf die Höhe eines regionalen Durchschnittslohns.
* Einrichtung abgestufter finanzieller Fördermöglichkeiten zum Ausgleich behinderungsbedingter geringerer Leistungsfähigkeit.
* Öffnung beruflicher Orientierungs-, Schulungs- und Ausbildungsmöglichkeiten (Berufsschulen) auch für behinderte Menschen.
* Einrichtung von regionalen Arbeitsberatungsstellen, die als Mittler zwischen Wirtschaft und behinderten Menschen in Form von Beratung und persönlicher Begleitung wirken.