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Themen und Information


Fachbeitrag von Franz Wolfmayr in der Festschrift "25 Jahre RehaDruck"

Die Reha-Dienstleistungs- und Handels GmbH feiert heuer ihr 25jähriges Bestehen. Franz Wolfmayr, Geschäftsführer der Chance B, wurde eingeladen für die Festschrift einen Fachbeitrag zu schreiben. Sie finden am Ende des Textes den Beitrag auch im Original-Layout zum Download.

FACHBEITRAG von Franz Wolfmayr

1984

Menschen, von Geburt an behindert, lebten in großen Heimen, psychiatrischen Anstalten oder zu Hause, viele von ihnen durften als „schulunfähig die Schule nicht besuchen“, Schulbesuch war wenn überhaupt nur in Sonderschulen möglich, die Beschäftigung mit schulischer Integration fand in kleinen „Widerstands“ - Gruppen statt, beschäftigt wurden diese Menschen mit Behinderung in „Beschäftigungstherapiegruppen“, wo oft sinn- und wertlose Dinge hergestellt wurden, damit sie auf (Weihnachts-) Basaren verkauft werden konnten. Assistenz war unbekannt, Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen waren im Wesentlichen auf sich allein gestellt.

In diesem Umfeld gründeten wagemutige Personen 1984 die REHA Druck. Menschen mit Behinderung (ich beziehe mich in diesem Artikel v.a. auf Menschen, die von Geburt oder Kindesalter an behindert sind) sollten einen Beruf erlernen, „richtig“ arbeiten und Geld verdienen können.

Heute

kommt uns das (in den meisten Regionen Österreichs) ganz selbstverständlich vor. Leben und Aufwachsen zu Hause in der Familie, Kindergarten, Schulbesuch, berufliche Ausbildung, Arbeit finden und an berufliche Karriere denken, sein Erwachsenenleben einrichten, das sind heute für Menschen mit Behinderung auch erfüllbare Ansprüche, aber auch nur wenn sie Glück haben.

Was hat sich mit Bezug auf die Lebensmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung in diesen 25 Jahren verändert?

  1. Menschen mit Behinderung haben Rechte

Kam es vor 25 Jahren im wesentlichen auf persönliches Engagement von Personen mit Behinderungen selbst, ihren Angehörigen oder von LehrerInnen an, welche Möglichkeiten sie für sich erschließen konnten, gibt es heute Rechtsansprüche auf ein „Leben wie andere auch“.

Die UN Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderung ist seit Mai 2008 in Kraft. Sie formuliert die allgemeinen Menschenrechte aus. Welche Rechte sie haben und wie Menschen mit Behinderung ihre Rechte auch wirklich einfordern können, das ist ein Lernprozess für alle Beteiligten:

- Politik und Verwaltung müssen ihre Arbeitsprogramme darauf ausrichten,

- die Gesellschaft muss lernen, was es heißt, Rechte zu gewährleisten,

- Menschen mit Behinderung müssen lernen, was es heißt, Rechte zu haben und nicht auf Gnade angewiesen zu sein.

Das Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist auch im Steiermärkischen Behindertengesetz, § 1, festgeschrieben.

Auf Europäischer Ebene gilt ein Diskriminierungsverbot in Beschäftigung und Beruf, ein Entwurf für eine Erweiterung ist derzeit in Begutachtung.

  1. Menschen mit Behinderung arbeiten

Seit dem Beitritt Österreichs zur EU 1995 gibt es auch hier flächendeckend mit Arbeitsassistenz, Arbeitstraining, Clearing, Job Coaching, Berufsausbildungsassistenz, Job Allianz, ... Rahmenbedingungen, die die Berufstätigkeit von Personen mit Behinderung in der Wirtschaft fördern und unterstützen. War es in der Region Oststeiermark z.B. vor 20 Jahren noch unmöglich, für behinderte Menschen Praktikumsplätze in Firmen zu finden, konnten seit 1995 Tausende eine Arbeit finden und manche seit damals ihren Arbeitsplatz erhalten.

Auf Europäischer Ebene wird hier vorwiegend das Modell des „Supported Employment“, der Unterstützten Beschäftigung eingesetzt:

- die geeignete Arbeit in der richtigen Firma finden,

- Personen direkt am Arbeitsplatz qualifizieren,

- MitarbeiterInnen mit Behinderung gemäß Kollektivvertrag bezahlen und sozialversichern,

- die notwendige laufende persönliche Assistenz erhalten.

Die Europäische Kommission hat dieses Modell als besonders tauglich für die berufliche Integration von „arbeitsmarktfernen Personen“ identifiziert und wird es in sein Arbeitsprogramm für Personen mit Behinderung 2007 – 2013 aufnehmen.

  1. Menschen mit Behinderung entscheiden selbst

„Nothing about us without us“ – „nichts ohne uns über uns“, das Motto des Europäischen Behindertenforums, ist heute die Leitlinie für individuelle Entscheidungsfindungen genauso wie für politische Entscheidungen auf allen Ebenen. Damit politische Beteiligung möglich ist, wurden von Betroffenen in vielen Staaten Selbstvertretungsorganisationen gegründet, die das Mandat der Zielgruppe wahrnehmen sollen.

Auf individueller Ebene gilt das Prinzip der „persönlichen Dienstleistung“ und der „persönlichen Assistenz“, wenn Personen mit Behinderung Unterstützung benötigen. Das Modell der persönlichen Assistenz macht Personen mit Behinderung darüber hinaus zu ArbeitgeberInnen, wenn sie ihre Dienstleistungen mit Hilfe von „Persönlichem Budget“ selbst zukaufen.

Trotz dieser unbestreitbar äußerst positiven Entwicklungen leben wir nicht in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderung als Teil dieser Gesellschaft voll integriert hat. Inklusion, ein gesellschaftliches Zusammenleben, in dem Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen repräsentiert sind und mitgedacht werden, ist nach wie vor ein Ziel.

Arbeit in der EU

Mehr als 50 Millionen Bürger und Bürgerinnen in Europa leben mit einer Behinderung (das sind an die 15% der Europäischen Bevölkerung). Während ungefähr 68% der nicht behinderten Bevölkerung Arbeit haben, gilt das für nur ungefähr 20% der Menschen mit Behinderung. Die Zahlen zeigen, dass die Beschäftigungsrate der Menschen mit Behinderung in Europa in den letzten 10 Jahren nicht zugenommen hat. Darüber hinaus arbeiten ungefähr 2,5 Millionen Menschen mit Behinderung in Beschäftigungswerkstätten.

Die Situation von Frauen mit Behinderung ist wesentlich schlechter als die der Männer. Darunter sind wieder Menschen mit geistiger Behinderung noch besonders benachteiligt: sie haben kaum Chancen auf bezahlte Arbeit.

In der aktuellen Wirtschaftskrise werden sich die Rahmenbedingungen in den meisten Europäischen Staaten nochmals verschlechtern. Auch die Österreichische Bundesregierung hat trotz höherer Budgets für aktive Arbeitsmarktpolitik die Budgets für die Maßnahmen des Bundessozialamts für 2010 drastisch gekürzt.

Diese Entwicklung können die Österreichischen Behindertenorganisationen nicht akzeptieren: Menschen mit Behinderung haben die Krisen nicht verursacht. Wenn höhere Budgets in den Arbeitsmarkt investiert werden, müssen diese auch für die Erhaltung und den Ausbau der Beschäftigungsmöglichkeiten für Personen mit Behinderung eingesetzt werden.

Ich möchte daher an dieser Stelle meinen Appell an die alle politisch Verantwortlichen richten, dass sie sich rasch und engagiert dafür einsetzen, dass die Maßnahmen der Aktiven Arbeitsmarktpolitik für Menschen mit Behinderung nicht reduziert sondern ausgebaut werden.

Gesellschaftliche Herausforderungen

Das Beispiel der Arbeitsmarktsituation zeigt deutlich, dass die eingangs in diesem Artikel beschriebenen positiven Entwicklungen gute Ansätze, aber noch nicht durchgängig umgesetzt sind.

- Nach wie vor gelten viele Menschen mit Behinderung, die von Geburt an mit einer Behinderung leben, in Österreich als erwerbsunfähig. Sie werden per Gesetz diskriminiert. Ihre Chancen, einer richtigen, bezahlten Arbeit nachzugehen, sind damit äußerst gering.

- Eigene Interessen vertreten können muss man lernen. Dazu sind Ressourcen notwendig. Da Menschen mit Behinderung in hohem Ausmaß arm sind (vgl. Bericht der Armutskonferenz „Armut und Behinderung“), können sie derartige Initiativen nicht selbst finanzieren. Staatliche Finanzierung von Interessenvertretung und geeigneten Lern- und Begleitstrukturen ist derzeit nicht verfügbar aber notwendig, wenn man das Recht auf Selbstvertretung ernst nimmt.

- In Zeiten von Wirtschaftskrisen gilt oft der alte Reflex der Politik: bei Sozialleistungen als erstes kürzen. Nimmt man die Rechtsansprüche von Menschen mit Behinderung auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ernst, braucht es neue Modelle, wie die Finanzierung der Rahmenbedingungen dafür sichergestellt werden kann. Solche Modelle sind zu entwickeln und umzusetzen.

Herzliche Gratulation zu 25 Jahre REHA Druck.

Franz Wolfmayr

- Chance B – Gleisdorf www.chanceb.at

- Dachverband Die Steirische Behindertenhilfe www.behindertenhilfe.or.at

EASPD www.easpd.eu