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Themen und Information


Wie hätten Sie es denn gern?

 


1. "Die Behinderten sind arm. Wir müssen ihnen helfen". Soziales Engagement in irgendeiner Form für einzelne Menschen, denen es nicht gut geht, a la "Licht ins Dunkel" bringt was: einzelnen Menschen oder Projekten einmal Hilfe und Unterstützung, dem/r HelferIn Genugtuung, Freude, Zufriedenheit, ... (?).
Eine ehrenwerte, christliche Haltung. Ohne sie wäre Zusammenleben schwierig. Sie ist als politische Haltung, Hilfe und Unterstützung für behinderte Menschen an die einzelnen BürgerInnen, oft an die Angehörigen bzw. die behinderten Menschen, die sehen müssen wo sie bleiben, zu verweisen, wieder im Kommen.


2. Staatliche Sozial- und Behindertenhilfe, wie jede Sozialleistung schön  gerecht und sozial gestaffelt; "Sie müssen noch von dort ein Gutachten einholen, diese Unterlage nachbringen und alle Einkommensnachweise mitliefern." Missbrauch ist die größte Gefahr, daher sind die Antrags- und Prüfverfahren aufwändig. Die Administration muss es den AntragstellerInnen schwer machen. "Ich möchte eine Ausbildung machen und brauche dazu diese Unterstützung -  nein, das werden Sie nie bekommen, Sie brauchen gar keinen Antrag stellen, Sie kosten ohnehin schon so viel."
Eine Haltung, wie sie Menschen mit Behinderung und Ihre Angehörigen kennen: die Macht liegt bei BeamtInnen, die Abhängigkeit ist groß, die behinderten Menschen werden klein; Knappe Budgets stehen im Vordergrund.


3. "Wie sollte eine Unterstützung sein, damit Sie die gewünschte Berufsausbildung absolvieren können? Was können Sie selbst organisieren? Wir können Ihnen anbieten, ..."
Ein Beispiel, in dem der behinderte Mensch als BürgerIn  vom Land Steiermark, das aufgrund der Bundesverfassung dafür zuständig ist, die Unterstützung erhält, die er/sie benötigt, um sein/ihr Ausbildungsziel zu erreichen.


Drei Haltungen, alle sind offensichtlich zeitgemäß. Behinderte Menschen, ihre Angehörigen und oft auch die Dienstleister für sie erleben täglich, dass sie mitleidig, hoheitlich oder als BürgerIn behandelt werden.
Letzteres ist Ziel des Dachverbands Die Steirische Behindertenhilfe und meines persönlichen Engagements. "Leben wie andere auch" ist der Slogan, in dem die Mitgliedsorganisationen Ziel und Methodik ihres Handelns festlegen aber auch überprüfen können.


Konkrete Aufgabenfelder für unser/mein Engagement:


1. Soziales Engagement für behinderte Menschen im Rahmen des ganz normalen Alltags wahrnehmen und nicht ausblenden und auf andere (ver)schieben. Hier geht's um grundlegende Haltungen, wie z.B., dass alles, was behinderte Menschen betrifft, an das Sozialressort verwiesen wird, oder an Jemanden, "der das einfach besser kann", weil er so sozialer oder "so leidensfähig" ist (ist Ihnen schon aufgefallen, dass behinderte Menschen und die mit ihnen verkehren häufig als besonders leidensfähig gesehen werden - Behinderung und Leiden ist aber ein anderer Artikel).
a. Dass die Verkäuferin im Lebensmittelgeschäft Markus, einen schwer behinderten Mann ohne Sprache direkt anspricht und mit ihm aushandelt, was er kaufen möchte, ist ein gelungenes Beispiel für wahrgenommene persönliche Verantwortung. Oder:
b. Der Landtag könnte alle LandesrätInnen beauftragen, jährlich einen Behindertenbericht aus ihrem jeweiligen Ressort vorzulegen - weil jedes Ressort zuständig ist. Oder:
c. Jede Gemeinde erstellt ihren eigenen Plan, mit dem sie die behindernden Rahmenbedingungen für einzelne behinderte Menschen in der Gemeinde beseitigt (wie kann Frau ? mit ihrem Rollstuhl zum Bürgermeister in die Sprechstunde kommen? Welche Inhalte und welche Organisationsform muss eine Beschäftigung für konkrete jugendliche SchulabgängerInnen mit schwerer geistiger Behinderung haben und wie können wir sie organisieren? ...)


2. Mitarbeit an gesetzlichen Rahmenbedingungen für Kindergärten und Schulen, für mobile und ambulante Dienstleistungen, für Beschäftigung und Beruf, für Bauten, für Pflege, für Mobilität, ... . Die Fragestellung lautet immer: Wie müssen die Rahmenbedingungen für den jeweiligen Gestaltungsinhalt sein, damit sie für alle Gruppen von Menschen mit Beeinträchtigungen aufgrund von Schädigungen produktiv nutzbar sind? Inhaltlich orientieren wir uns dabei an den Standard Rules für die Herstellung von Chancengleichheit der Vereinten Nationen (1993). Sie legen als Bereiche z.B. fest: Dienstleistungen zur Unterstützung, Bildung, Beschäftigung, Gesundheit, Kultur, Freizeit, Sport, aber auch eine behindertengerechte Umwelt, ... .
Gehen Sie diese Bereiche und sehen Sie, wie weit die gesetzlichen Rahmenbedingungen die Teilnahme behinderter Menschen unterstützen.


3. Mitarbeit im Aufbau zeitgemäßer Dienstleistungsangebote und -betriebe, - üblicherweise gemeinnützige Sozialprofit - Betriebe - mit dem Ziel, Knowhow aufzubauen und einzusetzen, damit die behinderten BewohnerInnen einer Region in dieser Region leben können, mit allem, was zu einem erfüllten Leben gehört.
Eines der großen Ziele in diesem Bereich ist nach wie vor, große stationäre Unterbringungsformen zugunsten regionaler Angebote abzubauen. Das braucht Kapital- und Knowhow - Einsatz.
Diese Betriebe bieten mittlerweile auch ein respektables Dienstleistungs- und Produktangebot. So war das Buffet zur Startveranstaltung der ÖVP "Stark für Schwach" Ergebnis einer Zusammenarbeit von 5 Betrieben, die überwiegend behinderte DienstnehmerInnen beschäftigen.
Bei gleicher Qualität und gleichen Kosten sollten sie z.B. bei öffentlichen Aufträgen bevorzugt werden.


4. "Leben wie andere auch" kostet Geld. Sozialplanung muss zu einem Abgleich von Bedarf und Angebot führen. Mit diesem Ziel kann Sozialplanung nur vor Ort regional geschehen, die konkreten Personen mit ihren konkreten Bedarfen müssen in den Blick der PlanerInnen rücken. Dabei wird sich zeigen, dass nicht alle Leistungen Geld kosten und es wird sich zeigen, dass es insgesamt in der Steiermark Strukturen gibt, die einer sinnvollen Entwicklung mit obigem Ziel entgegenstehen (z.B. verringert die  "Psychiatrieausgliederung" nicht die für die Krankenhäuser einzusetzenden Budgets der Sozialhilfeverbände. Die Dienstleistungen für die Personen, die nun in ihren Gemeinden wohnen, verursachen aber im Sozialbudget zusätzliche Kosten). Hier könnten im Zuge der Verwaltungsreform sinnvollere Möglichkeiten gefunden werden.


Ein Planungsraster für die regionale Sozialplanung könnte sein: Angebote für Menschen jeden Lebensalters (von der Geburt bis zum Tod) und für alle Lebensbereiche (Familie, Kindergarten, Schule, berufliche Qualifizierung, Beschäftigung und Arbeit, Wohnen, Freizeit, Pflege, ...) zur Unterstützung dieses "Lebens wie andere auch" verfügbar zu haben,


5. Gebäude, aber auch Information behinderten Menschen zugänglich machen, ist eine weitere Aufgabe; oft hintangestellt, weil so aufwändig. Bauten, die umgebaut werden müssen, sind lt. einer deutschen Studie um etwa 17% teurer, eine Berücksichtigung dieser Erfordernisse in Neubauten nur um etwa 2%. Dafür leben alle Menschen besser in derartigen Bauwerken.
Informationen zugänglich zu machen ist oft teurer, da es dabei um Übersetzung in andere Zeichensysteme geht: Blindenschrift, Gebärdendolmetschung, einfache Sprache sollten in unserem demokratischen System aber eine Selbstverständlichkeit werden. Behinderte Menschen werden ansonst von ihren demokratischen oder kulturellen  Mitwirkmöglichkeiten ausgeschlossen.
Die Steiermark hat für alle diese Fragen kompetente eigene Beratungsstellen eingerichtet.


6. Gesundheitsfragen stellen sich für viele behinderte Menschen als sehr wichtig dar, körperliche Schädigungen beeinträchtigen oft das "normale" Funktionieren des Körpers. Für manche Menschen können die ganz normalen Grundfunktionen wie Atmen, Essen, Ausscheiden rasch zu lebensbedrohenden Komplikationen führen. Der Aufbau von Kompetenzzentren in der Steiermark könnte hier eine Möglichkeit sein, notwendiges Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen zu sammeln und für den Alltag, aber auch in Krisen zu nutzen.


7. Dass behinderte Menschen zum Großteil arm sind, ist Ergebnis unserer Einkommensverteilung. Leben mit Behinderung bedeutet sehr oft lebenslang mit dieser Behinderung zu leben. Das neue BHG ermöglicht ein Leben auf Sozialhilfeniveau. Lebenslang auf diesem Niveau leben zu müssen, ist meiner Meinung nach im siebtreichsten Staat der Welt nicht zu rechtfertigen. Hier sollte rasch mit der nächsten Novelle zum BHG Abhilfe geschaffen werden.


8. Politische Mitwirkung schreibt die EU ihren Mitgliedsstaaten vor. Auch die Standard Rules gehen davon aus, dass behinderte Menschen über ihre Organisationen in die politischen Entscheidungs- und Kontrollprozesse eingebunden werden müssen. Das neue BHG hat diese Chance nicht ergriffen. Hier sollte ebenfalls rasch eine Novelle vorbereitet werden, die das regelt. Die Frage nach der Mitwirkungsmöglichkeit ist auch in allen übrigen Politikbereichen zu stellen und zu beantworten.


9. Sensibilisierung der Öffentlichkeit
Behinderung ist kein Minderheitenthema. Jede/r von uns weiss, dass ein Leben mit Behinderung als Möglichkeit auch für ihn/sie zu denken ist. Wie man dann leben möchte, ist aber im Vorfeld zu klären, dann haben manche dieser Menschen nicht mehr die Möglichkeit, entsprechende (politische) Entscheidungen zu treffen.
Wie man selbst in so einem Falle würde leben wollen, sollte die Richtschnur für die Entscheidungen von PolitikerInnen und BeamtInnen sein, die an Rahmenbedingungen arbeiten.
Die Frage muss erlaubt sein,
- ob Sie oder Sie mit 27 Jahren in einem Altenpflegeheim "untergebracht sein" möchten, oder
- ob Ihnen nach einem Unfall ein Leben ohne Zukunftsperspektive reicht.
PolitikerInnen, die glaubwürdig vermitteln, dass sie in ihrem politischen und privaten Arbeitsfeld dafür eintreten, dass behinderte Menschen so leben können, wie andere auch,  sind für die Entwicklung eines derartigen Anspruchs in der Öffentlichkeit von hoher Bedeutung.
Darüber hinaus sind geeignete Sensibilisierungsmaßnahmen in allen Lebensbereichen zu setzen: in Kindergarten und Schule, der Gemeinde, in Beschäftigung und Beruf, im Urlaub, etc. Glaubwürdige Beispiele gelebter Teilhabe überzeugen am besten.
Aber eines muss klar sein: die Last für die gelebte Teilhabe kann nicht von den behinderten Menschen getragen werden. Für den Erfolg sind wir alle verantwortlich.


Franz Wolfmayr
Präsident des Dachverband "Die Steirische Behindertenhilfe"
Mitglied der Geschäftsführung der Chance B - Betriebe in Gleisdorf