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Themen und Information


Ein Tagebuch und seine Folgen


Ein Tagebuch und seine Folgen


Über die Arbeitsassistenz lernte ich Norbert kennen, der seit November 2003 bei der Firma Ulz-Austria (Produktion von Farben, Spachtelmasse, Klebstoffe, Putze u. Lack) in Wünschendorf angestellt ist.


Da Norbert gerne Arbeiten verrichtet, bei denen er "zupacken" kann, stellte das Abfüllen von Spachtelmassen, Etikettieren von Säcken, Fahren mit dem Stapler, etc. kein Problem für ihn dar.
Bedingt durch seine Lernschwäche jedoch, fiel es ihm meist nicht leicht, sich an den Arbeitsablauf des vorherigen Tages zu erinnern, so dass beinahe an jedem Tag ein Mitarbeiter ihm aufs Neue die einzelnen Arbeitsschritte erklären musste.


Um dieses Problem zu lösen, wurde Jobcoaching eingeschaltet: Meine Idee war, Norbert eine Art Tagebuch schreiben zu lassen - vorgefertigte Formulare und Fragen sollten es ihm erleichtern, jeweils am Abend für maximal zehn Minuten den Tag für sich zu reflektieren. Im Laufe der Zeit sollte diese Mappe auch als Nachschlagewerk dienen, um sich nach längerer Zeit wieder schneller in einzelne Arbeiten hineindenken zu können.


Es stellte sich heraus, dass Norbert diese Aufgabe sehr gewissenhaft und genau durchführte: Bei unseren Treffen legte er mir eine Mappe vor, in der ich jeden (!) Tag protokolliert vorfand - und sei es nur die Mitteilung, dass es sich um dieselbe Arbeit handelte, wie am Tag zuvor. Die Beschreibung selbst ist so gestaltet, dass sich auch ein Außenstehender zurechtfindet.


Bei diesen Treffen bemerkte ich aber auch die hohe Motivation und Begeisterung, mit der er seine Arbeit bis heute macht, denn die Kollegen seien "super", weil sie "...mich so akzeptieren, wie ich bin...". Durch das Tagebuch könne er sich jetzt die einzelnen Schritte besser merken, so dass "...ein Wort (des Kollegen) reiche, um sich wieder zu erinnern..." Die Wichtigkeit dieser Aufzeichnungen für ihn zeigte sich auch darin, dass er einerseits, wenn ihm die Formulare ausgingen, auf eigenen Seiten weiterschrieb - was nicht selbstverständlich ist - und anderseits auch fast darauf bestand, diese tägliche Reflexion weiterzuführen. Er brauche nur eine neue Mappe und viele Formulare.


An diesem Beispiel zeigt sich, dass manchmal bereits eine kleine Idee ausreichen kann, um ein Dienstverhältnis zu erhalten. In den meisten Fällen ist aber wesentlich mehr Begleitung, auch unmittelbar in den Firmen vor Ort, notwendig, um es einem Menschen mit Beeinträchtigung zu ermöglichen, am Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können.


Michael Schmitt
Jobcoach der Chance B