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Themen und Information


Podiumsdiskussion "Integration von Behinderten um jeden Preis?"

Integration von Behinderten um jeden Preis?
Bei der Podiumsdiskussion der Reha-Südwest in der Badnerlandhalle schieden sich die Geister


EJMB 2003 - das Europäische Jahr der Menschen mit Binderungen. Wer von den "normalen" Menschen weiß noch, dass das gerade läuft? Ein Grund mehr für die Behindertengesellschaft "Reha-Südwest" , auf einer Fachtagung zum Thema: "Handicap in Europa - Partner in der Rehabilitation zusammenführen und Teilhabe verwirklichen" in der Neureuter Badnerlandhalle mit Betroffenen und Experten kritisch Bilanz zu ziehen, sowie den hehren Anspruch an der Wirklichkeit zu messen.
Das Behinderten-Gleichstellungs-Gesetz hier, der Alltag da. Die betroffene Mutter legte in der Diskussion schnell den Finger auf die Wunde. Obgleich sie ein schwerbehindertes Kind habe, wurde ihr gerade eine "Mutter-Kind-Kur" verweigert, weil die vorgeschriebene Vierjahresfrist noch nicht erfüllt war. Bezahlen muss sie künftig auch die Begleitung ihres Kindes in das Thermalbad - bisher musste der Begleiter ebenfalls keinen Eintritt berappen. Eine andere Mutter klagte den Landkreis Karlsruhe an, der zwei Drittel der Fahrdienste gestrichen habe. Auch das, keine Vorzeigebeispiel im EJMB 2003, da waren sich alle einig. Aber, Fortschritte sah die Expertenrunde auch. Das Gleichstellungsgesetz, so Horst Frehe von der nationalen Koordinierungsstelle des EJMB, markiere geradezu einen "ideologischen Umbruch". Denn mit der neuen Rechtsprechung erhielten die Behinderten und ihre Familien einen Rechtsanspruch auf Teilhabe am öffentlichen Leben. Diesen Anspruch gelte es allerdings auch von den Betroffenen mutig einzufordern, wie Sozialbürgermeister Harald Denecken mehrfach unterstrich. Warum dies immer noch so selten passiert, erklärte der österreichische Behindertenpädagoge Franz Wolfmayr: Gerade in Gesellschaften, die sich um Minderheiten traditionell kümmerten, hätten die Betroffenen gelernt, sich auf Hilfe zu verlassen. Jetzt müsse umgedacht werden. Die Betroffenen und ihre Familien müssten lernen, ihren Anspruch auf Teilhabe und Integration einzufordern.
Was Integration und Teilhabe allerdings bedeuten, darüber gerieten das Podium und die Zuhörer alsbald in einen heftigen Streit. Horst Frehe hatte ihn mit der Bermekung ausgelöst, dass die Arbeit von zentralen Sondereinrichtungen für Behinderte auch ambulant und ortsnah geleistet werden könnte. Er verwies dabei auf den "österreichischen Weg" von Franz Wolfmayr - und schon fühlte sich Helmut Frank vom Staatlichen Schulamt Karlsruhe als "Aussonderer", weil er sich seit 30 Jahren für zentrale Sondereinrichtungen eingesetzt hatte.
Auch betroffene Eltern widersprachen heftig: "Das mag vielleicht für Rollstuhlfahrer zutreffen", stellten Birgit Seiter vom Förderverein der Körperbehindertenschule in Karlsbad-Langensteinbach fest. Integration um jeden Preis sei aber für geistig Behinderte keine Lösung. Ihre Mitstreiterin Kirsten Messner-Wentzel formulierte da so: "Ich will und kann mit meiner Tochter nicht ins Altersheim ziehen." Sie sprach sich für die Beibehaltung von Sonderschulen und Werkstätten aus.
Gegen "Integration um jeden Preis" verwahrte sich auch der angegriffene Horst Frehe. Er plädierte für Integration, wo immer sie möglich ist. Denn, so betonte auch der Sozialpädagoge Daniel Le aus Ste.Marie-aux Mines: "Integration durch ambulante Versorgung und Unterbringung in zentralen Sonderschulen und Werkstätten, beides kann die Gesellschaft nicht bezahlen." Auch im EJMB 2003 nicht.
Michael Nückel