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Themen und Information


Die schulische Integration braucht Rahmenbedingungen

Die schulische Integration braucht Rahmenbedingungen
Franz WOLFMAYR

Die durch die Schulgesetzgebung zur Integration behinderter Kinder in Schulen gemachten Festlegungen werden, wenn sie ernstgenommen werden, grundlegende Veränderungen der Schule an sich nach sich ziehen:

1. in Bezug auf Didaktik und Methodik:
Unterricht für behinderte Kinder gehört nun zum Aufgabenbereich der allgemeinen Pädagogik. Volks- und HauptschullehrerInnen können die Auseinandersetzung mit den besonderen Lernvoraussetzungen behinderter Kinder in der Regel nun nicht mehr an sonderpädagogische Einrichtungen verweisen. Sie müssen sonderpädagogisches Fachwissen der SonderschullehrerInnen in ihr unterrichtliches Handeln integrieren.
2. in Bezug auf die Arbeitsweise:
Wenn also SonderschullehrerInnen mit Volks- und HauptschullehrerInnen in Bezug auf unterrichtliche Problemsituationen durch besondere Lernvoraussetzungen einzelner Kinder zusammenarbeiten müssen, werden grundlegende Veränderungen in der Arbeitsweise notwendig: mit dem Stichwort Teamarbeit wird deutlich, daß LehrerInnen im Unterricht teilweise zumindest zu zweit bzw. zu dritt unterrichten, daß sie gemeinsame Vor- und Nachbereitungen durchführen und daß sie in besonderen Fällen im Sinne einer "Team-Fallbesprechung" grundlegende Rahmenbedingungen für einzelne Kinder auch noch unter Einbeziehung anderer Fachkräfte abklären. Das braucht Zeit und Raum dafür.
3. in Bezug auf das Berufsbild von LehrerInnen:
SonderschullehrerInnen werden für diese Aufgabe nun erstmals in großer Zahl nicht mehr im traditionellen Sinn als unterrichtende LehrerInnen in einer Klasse eingesetzt. Sogenannte StützlehrerInnen haben zum großen Teil v.a. beratende, begleitende und koordinierende Aufgaben.
4. in Bezug auf die Einbeziehung der Lebenswirklichkeit der SchülerInnen:
Als Bildungsziel der Sonderschule wurde von der Deutschen Fachkommission für den Unterricht an Körperbehindertenschulen 1978 formuliert:
Die Schüler sollen lernen, als Mitglieder der Gesellschaft verantwortlich zu handeln. Das heißt, daß der Behinderte lernen soll,
- vorgegebene Normen des Handelns einer Situation entsprechend zu interpretieren und an der Veränderung ihrer Entstehungsbedingungen mitzuwirken;
- trotz schädigungsbedingter sozialer Abhängigkeit zu eigenständigem Handeln in sozialen Bezügen zu finden;
- seine Handlungsfelder zu erkennen, zu erweitern und zu gestalten;
- Begrenzungen ihres Handelns zu überwinden oder anzuerkennen.
Gewinnt nun ein derartiges - handlungsorientiertes - Bildungsziel mit der Aufnahme behinderter Kinder für den Unterricht in Regelschulen Bedeutung, heißt das, das die Schule über das bisherige Maß hinaus, die aktuellen Lebensprobleme ihrer SchülerInnen zum Thema machen muß. Besonders die behinderten SchülerInnen haben aufgrund ihrer besonderen Lernvoraussetzungen keine Chance, abstrakte Unterrichtsinhalte in ihre außerschulische Lebenswelt zu übertragen bzw. abstrakte Beiträge aus ihrer privaten Lebenswelt in den Unterricht einzubringen.
5. in Bezug auf die Aufgaben der Schule:
Die aus Sonderschulen zu entwickelnden Sonderpädagogischer Zentren sollen "Koordinationsaufgaben übernehmen und auch die sozialen, therapeutischen sowie nebenunterrichtlichen und außerschulischen Integrationshilfen auf Landes- und Gemeindeebene miteinander vernetzen helfen" (aus der Tagungsdokumentation von Univ.Prof. Dr. Hans Hovorka: Sonderpädagogische Zentren als Kooperationsbeispiele netzwerkorientierter Gemeinwesenarbeit; Wien 1993). Damit ist meines Wissens für das österreichische Schulwesen erstmals eine Institution mit regionalen Koordinationsaufgaben betraut, die alle Schulen einer Region betreffen können.
Zum zweiten sind das neue Aufgaben, wie Organisationsentwicklung, aktive Unterstützung integrativen Unterrichts, Beratung und Unterstützung von Eltern behinderter Kinder, Vermittlung zwischen vor- und nachschulischen Institutionen, Vermittlung zwischen schulischen und außerschulischen Institutionen, Entwicklung von und Fortbildung über integrative Didaktik und Methodik, die als Koordinationsaufgaben und als expliziter Auftrag zu einem großen Teil für die Schule neu sind.

Organisationsentwicklung
Um Vorhaben und Entwicklungen von derartiger Bedeutung und Dimension in Institutionen in Gang bringen zu können, empfehlen sich Modelle der Organisationsentwicklung, wie sie u.a. in Wirtschaftsberieben, aber auch anderen Unternehmen eingesetzt werden. Ziel eines derartigen Prozesses ist, auf allen Ebenen der Institution die Auseinandersetzung mit den neuen Zielen und den dadurch notwendigen Veränderungen in Gang zu bringen.

Beispiele:
* Damit Volks- und Hauptschulen überhaupt sonderpädagogische Fachkompetenz als Unterstützung der eigenen Unterrichtsarbeit in Anspruch nehmen werden, müssen sie überhaupt wissen, worin diese besteht und daß diese Kompetenz hilfreich zur Bearbeitung eigener Unterrichtsprobleme genutzt werden kann.
* Einem Sonderpädagogischen Zentrum Koordinationsaufgaben zwischen mehreren Schulen zu übertragen heißt, daß z.B. der LeiterIn dafür Kompetenzen übertragen werden müssen. Welche das im Einzelnen sind, wie sie wahrgenommen werden sollen, muß mit allen Beteiligten ausgehandelt werden, da sonst keine Akzeptanz dafür erreichbar ist.
* Um Koordinationsaufgaben wahrnehmen zu können, müssen Strukturen und Abläufe entwickelt und festgelegt werden. Diese Strukturen und Abläufe sind für die schulische Integration grundlegend neu zu entwickeln.

Für einen derartigen Organisationsentwicklungsprozeß halte ich notwendig:
* Eine klare Willenserklärung der zuständigen Behörden, daß sie diesen Prozeß aktiv in Gang setzen wollen. Derzeit habe ich den Eindruck des laissez faire.
* Die Beauftragung von in der jeweiligen Region außenstehenden "OrganisationsentwicklerInnen" durch die zuständigen Behörden. So verstandene Entwicklungsarbeit muß in jeder Region selbst geleistet werden. Die externen BeraterInnen haben die Aufgabe, den Prozeß in Gang zu setzten, die Ziele mit allen Beteiligten (Volks-, Hauptschulen, Polytechnische Lehrgänge, private Trägervereine der Jugendwohlfahrt und Behindertenhilfe, Sozialhilfereferate, Schulpsychologischer Dienst, ...) auszuhandeln, die Ergebnisse zu sammeln, zu dokumentieren und weiterbearbeitbar zu machen.
* Die Einbeziehung der zuständigen Referate der Landesregierung (Rechtsabteilung 9, Rechtsabteilung 13) in diesen Prozeß. Auch sie müssen in der Lage sein, aufgrund von ausreichenden Informationen über mögliche Modelle allgemeine Regelungen für die gesamte Steiermark zu entwickeln. Daß diese Behörden aus der Zeitung erfahren, daß vom Landesschulrat für Steiermark schon Standorte für Sonderpädagogische Zentren festgelegt wurden, bevor überhaupt klar ist, was diese Zentren für Aufgaben übernehmen werden und wieviel das kostet, heißt, sie vor den Kopf stoßen. Ihre Bereitschaft zur Mitentwicklung wird dadurch geschmälert.

Dieser Prozeß wird natürlich Zeit und Geld kosten. Ich sehe allerdings keine andere Möglichkeit, die in der 15. SCHOG-Novelle festgeschriebene Neuordnung der sonderpädagogischen Arbeit durchzuführen. Die Zeit drängt. VolksschullehrerInnen berichten schon von Überforderung durch mangelnde Unterstützung. Sie haben noch Engagement, um weiterzumachen. Doch in ihrem Interesse und vor allem im Interesse aller SchülerInnen in Klassen mit behinderten Kindern sollten die Rahmenbedingungen für integrativen Unterricht schnell entwickelt werden.

Franz Wolfmayr
Chance B